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Somatische Präsenz

Schon seit Jahrzehnten beschäftige ich mich leidenschaftlich mit meiner eigenen Psyche und jener von anderen. Aus einer Mischung von kindlicher und erwachsen -wissenschaftlicher Neugier. Und zusätzlich aus der Hoffnung heraus, durch diese Beschäftigung herauszufinden, wie ich im Besonderen und wir Menschen im Allgemeinen uns ein Inneres Klima von Ausgeglichenheit, Frieden, Freude, Glück und Erfüllung schaffen können. Welches sich auch auf das Klima in unseren nahen Beziehungen, das Klima unseres menschlichen Zusammenlebens und das Äussere Klima auf unserem Planeten positiv auswirkt.

Wirklich glückliche und erfüllte Menschen haben nämlich in der Regel folgende Eigenschaften:

  • Sie tragen die Fülle-Brille auf der Nase, sind dadurch offen und achtsam für die Fülle und den Reichtum des Lebens und erleben in der Folge tiefe Dankbarkeit, Wertschätzung und Verbundenheit
  • Sie erleben grundsätzlich einen Zustand von körperlicher Entspannung und Wohlbefinden, emotionaler Ausgeglichenheit und Mitgefühl und mentaler Klarheit
  • Sie wissen, wer sie sind und wozu sie da sind (um zu wachsen und glücklich zu sein)
  • Sie blenden Probleme und Schwierigkeiten nicht aus, sondern gehen diese entspannt, zielgerichtet, planvoll, effizient und nachhaltig an
  • und berücksichtigen dabei sowohl ihre eigenen Bedürfnisse wie auch jene von anderen
  • Sie leben im Moment, im Hier und Jetzt und richten den Fokus darauf, was es gerade jetzt zu tun und nicht zu tun gibt. Und, vor allem: Was es genau in diesem Moment zu geniessen gibt
  • Sie haben sehr wenig Bedürfnisse, da sie zufrieden sind mit dem, was ist und mit sich selber, so wie sie sind
  • Und tragen dadurch zu einem nachhaltigen Umgang mit den eigenen Ressourcen und jenen des Planeten bei

Wirkt das idealistisch für Dich? Ist es nicht. Häufig bezeichnen wir etwas als idealistisch, wenn wir es in unserem Alltag selten oder gar nicht erleben. In unserer modernen, hochzivilisierten Welt begegnen wir nur in wenigen Ausnahmefällen wirklich glücklichen und erfüllten Menschen. Was nicht heisst, dass es diese nicht geben kann. Oder soll. Wenn wir das Rad der Geschichte etwas zurückdrehen, stellen wir fest, dass unsere Vorfahren höchstwahrscheinlich über mehr als 100’000 Jahre in genau diesem Zustand lebten. Und wir uns seit etwa 10’000 Jahren, seit dem Beginn der Sesshaftigkeit, immer mehr davon zu entfernen begannen. Höchste Zeit, das Rad der Geschichte wieder in unsere Hände zu nehmen. Glück und Erfüllung ist nämlich unser Naturzustand. Für diese Erfahrung existieren wir. Nicht nur im Ausnahmefall im Luxusurlaub, sondern mitten in unserem Alltag.

Falls Du mir nicht glaubst, sieh es doch einmal so an: Wenn Glück und Erfüllung der Ausnahmezustand und Stress, Hektik, Anspannung, Getriebensein etc. die Regel wäre, müssten wir dann nicht zufrieden sein damit? Oder zumindest nicht Leiden darunter, wenn wir uns nicht entspannt, ausgeglichen, erfüllt fühlen? Da es normal ist für uns? Spricht nicht gerade unser Unzufriedensein, unser Leiden dafür, dass wir tief im Innern eigentlich genau spüren, wie unser eigentliches Inneres und Äusseres Klima beschaffen sein sollte? Wir vielleicht einfach nicht wissen, wie wir dazu kommen können?

Ich bin sehr überzeugt davon, dass es genau so ist. Je mehr ich mich mit dieser tiefen Sehnsucht, dieser leisen Stimme tief in meinem Inneren beschäftige, desto mehr wird mir deutlich, wie recht diese hat. Und je mehr ich mir gestatte, auf sie zu hören, meine Alltags- und Lebensgestaltung nach ihr auszurichten, desto leichter, müheloser und entspannter wird mein Leben. Und desto glücklicher und erfüllender fühle ich mich. Was mich in meiner Überzeugung bestätigt. Und staune jeden Tag aufs Neue und mehr, welche Geschenke mir das Leben bietet. Ganz nebenbei.

Falls Du das auch willst – liebend gerne verrate ich Dir in diesem Artikel eines meiner beiden Hauptwerkzeuge, die ich in meiner jahrzehntelangen Beschäftigung mit meiner und unserer menschlichen Psyche entdeckt habe, die auch Dir dabei helfen können, diese leise Stimme in Deinem Inneren zu identifizieren und zu lernen, wieder auf sie zu hören. (Ja genau: wieder – am Anfang Deines Lebens war das für Dich nämlich noch ganz selbstverständlich).

Als Erstes geht es darum, Deinen hyperaktiven Kopf zu beruhigen, der permanent damit beschäftigt ist, nach dieser leisen Stimme zu suchen. Leider an den komplett falschen Orten (Aus Deinem Autoradio ertönt sie nicht; Deine Partnerin hat zwar ebenfalls eine solche Innere Stimme, diese ist aber nicht zu verwechseln mit Deiner; Deine Chefin hat den Zugang zu ihrer Inneren Stimme sowieso längst verloren und will auch Dich dazu zu bringen, die Suche aufzugeben; und den Instagram-Post, der Dir den Weg zu der Stimme und nicht zu irgendeiner Landingpage zeigt, habe ich bisher noch nicht entdeckt).

Du findest sie in Deiner Somatischen Präsenz.

Das heisst, in Deinem verkörperten gegenwärtigen Erleben oder Sein. Wenn Du Dich genau auf die Erfahrung einlässt, die gerade stattfindet. Bevor Dein Kopf jetzt bereits wieder aktiv wird und fragen will, wie das geht oder schlaue Ideen generiert: Darum geht es nicht. Der Kopf darf denken, was er will, jederzeit, Du hast aber immer die Wahl, ob Du ihm Deine Aufmerksamkeit schenken möchtest, oder nicht.

Ich schlage vor, ihn im Moment denken und plappern zu lassen. Du schenkst ihm nämlich schon genug Aufmerksamkeit in Deinem Alltag. Und lass stattdessen für einmal Deine Aufmerksamkeit einfach aus Deinem Kopf in Deinen Körper sinken und nimm offen, neugierig, absichtslos, achtsam wahr, wie es Deinem Körper gerade geht. Eigentlich ist diese Formulierung holprig, denn «Deinen Körper» gibt es nicht, Du «hast» keinen Körper, Du bist Dein Körper. Aber das vergessen wir all zu oft in unserer verkopften Welt, in der wir die meisten unserer Körperteile in unserem Arbeitsalltag auf dem ergonomischen Bürostuhl parkieren oder beim Gespräch mit der Freundin im Kaffee unter dem Tisch deponieren. Um «den Körper» dann in der Freizeit beim Sport mit überhöhten Leistungsansprüchen zu quälen, mit allen möglichen Substanzen und Genussmitteln dafür bestrafen, dass er seine Bedürfnisse nicht abstellen kann oder beim Sex für unser mangelndes Erleben von tiefer Verbindung zu missbrauchen.

Somatische Präsenz bedeutet also einfach, dass Du Dir bewusst bist, was Du gerade in Deinem Körper erlebst. Welche Erfahrung gerade stattfindet in Deinem Körper. Davon ist auch der Kopf letzten Endes nicht ausgeschlossen, denn er ist ebenfalls ein Teil Deines Körpers. Er darf aktiv sein oder träge. Das ist völlig in Ordnung. Aber lass Dich einfach nicht von seinen Geschichten einlullen. Dadurch verlässt Du Deine Somatische Präsenz und verlierst Dich in Fantasiewelten. Du hast keine Ahnung, was in Zukunft passieren wird, so sehr Du Dich auch bemühst, Dir das vorzustellen und Pläne zu schmieden. Und die Vergangenheit ist sowieso vorbei, existiert also nicht mehr. Also richte auch auf diese beiden Bereichen Deiner Fantasie so wenig Aufmerksamkeit wie möglich.

Dein Leben findet genau jetzt statt.

Versuch es doch am Besten gleich, wenn Du es nicht bereits tust. Achte Dich darauf, was Du erlebst in Deinem Körper. Wo nimmst Du Anspannung wahr? Wo zieht es, drückt es, kribbelt es, fliesst es? Tut es vielleicht sogar weh? Und wo erlebst Du Entspannung? Wo sind die angenehmen Empfindungen versteckt? Wo sitzt die Energie? Meistens sind sehr unterschiedliche Erlebenszustände gleichzeitig vorhanden in unserer gegenwärtigen Erfahrung. Die wir häufig übersehen, wenn unser Kopf in den Scheuklappen steckt und mit Hilfe des Tunnelblicks, des Schwarz-Weiss-Denkens katastrophisierend alle Probleme aufs Mal lösen und die absolute Erlösung irgendwo in der Zukunft finden will. Mir schwirrt nur schon der Kopf, wenn ich das schreibe.

Immer, wenn Du merkst, dass Dein Kopf wieder aktiv wird, lenkst Du Deine Aufmerksamkeit zurück auf Dein Körperempfinden. Ohne, dass Du dabei etwas Besonderes erleben musst. Es kann sich fremd anfühlen für Dich, unvertraut, seltsam, verwirrend, überfordernd, beängstigend, erleichternd, langweilig, leer, voll etc. Indem Du die Aufmerksamkeit auf Dein Körperempfinden richtest, schaltest Du von Deinem nach aussen gerichteten Aufmerksamkeitszentrum in Deiner linken Hirnhälfte auf das nach innen gerichtete Aufmerksamkeitszentrum Deiner rechten Hirnhälfte um. Du shiftest. In den ganzheitlichen Modus. Der Tunnelblick weitet sich. Die Scheuklappen lösen sich. Nebst den schwarzen und weissen Zonen nimmst Du auch wieder die grauen Zonen Deines Erlebens wahr. Und irgendwann sogar die bunten, die ebenfalls immer auch präsent sind.

Je stärker Du bisher in Deinem Leben verkopft unterwegs warst und Deine Somatische Präsenz vernachlässigt hast, desto anspruchsvoller ist dieser Shift wahrscheinlich für Dich. (Achtung: Er kann sogar Schwindel auslösen).

Und wenn Du Dich bereits schon wieder mit Deinem Körper angefreundet hast, beispielsweise durch kreativen Tanz, Yoga, Tai Chi oder Chi Gong, wird es Dir leichter fallen. Dann geht es bei Dir vor allem darum, Deine linke und rechte Hirnhälfte miteinander zu synchronisieren. Damit Du nicht in die Falle tappst, nun die rechte übermässig zu trainieren und auf der anderen Seite von Deinem Glücksweg abzukommen. Denn für unser Glück und für unsere Erfüllung brauchen wir beide. Brauchst Du Dich Ganz.

Q&A:

Q: Das klingt viel zu einfach für mich, das kann nicht sein, dass ich mit dieser einfachen Technik Glück und Erfüllung finden soll.

A: Ja genau, es ist in der Theorie wirklich wahnsinnig, wenn nicht sogar enttäuschend einfach. Die meisten Menschen scheitern allerdings in der Praxis. In unserer von Stress und Hektik geprägten modernen Welt sind unsere Köpfe im Alltag überaktiv und haben unzählige scheinbar gute Argumente auf Lager, warum wir uns die Zeit nicht nehmen sollten oder dürften, um ab und zu den Check-In mit unserem Körperempfinden durchzuführen: «Es gibt Wichtigeres zu tun.» «Wenn Du Dich nur auf Dich konzentrierst, bist Du egoistisch.» «Du bleibst auf der Strecke und wirst abgehängt.» «Du kannst Deine Pflichten bei der Arbeit oder im Haushalt nicht mehr erfüllen.» «Du wirst im Finanzloch landen.» Das habe ich alles schon gehört.

Für die Plege unserer Somatischen Präsenz und dadurch für unser Glück benötigen wir also die folgenden drei Faktoren:

  1. Lebensbedingungen, die es uns ermöglichen, ab und zu innezuhalten und den Check-In durchzuführen (für Soldaten im Krieg sind die Bedingungen nicht optimal)
  2. Klares Wissen und die Überzeugung, was wir davon profitieren können, wenn wir uns den Check-In zur Gewohnheit machen (Glück und Erfüllung)
  3. Disziplin, Routine und Training

Q: Das erinnert mich ans Meditieren. Ist das das gleiche?

A: Ja und nein. Unter Meditation verstehen wir sehr Unterschiedliches. Meist werden uns Haltungen, Techniken und Formen vorgegeben, die wir beim Meditieren anwenden sollen. Für den Check-In mit Deiner gegenwärtigen Somatischen Präsenz benötigst Du weder eine bestimmte Haltung oder Position noch einen bestimmten Fokus oder eine Technik. Je weniger Vorgaben Du erfüllen musst, desto leichter kannst Du absichtslos offen und neugierig werden für Deine gegenwärtige Erfahrung. Das ist der «Nein»-Teil. Bei der Meditation geht es, genau wie bei der Somatischen Präsenz darum, den Geist zu beruhigen und die leise Stimme Deines Selbsts in Deinem Inneren zu identifizieren. Oftmals wird bei vielen Meditationstechniken der Körper aber ignoriert. Was dazu führt, dass wir nicht wirklich ganzheitlich meditieren, obwohl wir möglicherweise denken, wir würden meditieren. Das beruhigt zwar unseren Kopf und ermöglicht uns vielleicht eine Auszeit von unserem anspruchsvollen Alltag, aber wir kommen dadurch nicht wirklich auf Glückskurs.

Q: Ich meditiere schon lange und kümmere mich auch mit Hilfe von Yoga und 5-Rhythmen-Tanz gut um meine Somatische Präsenz. Trotzdem fällt es mir schwer, inmitten des Stimmengewirrs in meinem Kopf die leise Stimme meines Selbsts zu identifizieren. Oft ist es entweder vollkommen still oder mehrere Stimmen schreien laut und wild durcheinander.

A: Vielen Dank für diese Frage! Das ist die perfekte Überleitung zu der zweiten Technik, die ich Dir empfehlen will für Deine Suche nach Deinem Glück und Deiner Erfüllung. Nachdem wir unseren Geist beruhigt und in unsere ganzheitliche Somatische Präsenz zurückgefunden haben, geht es als nächstes nämlich darum, Ordnung zu schaffen in unserer Psyche. Aufzuräumen, alten Ballast abzuwerfen und eine neue, für unser vor Glück und Erfüllung strotzenden Leben passende Balance in unserer Innenwelt zu entwickeln. Und das tun wir am Besten, einfachsten, Leichtesten und freudvollsten mit psychologischer Anteilsarbeit. Insbesondere der Ansatz des «Inner Family System» des Amerikaners Richard Schwartz ist mein absoluter Favorit in diesem Bereich.

In diesem Artikel erfährst Du mehr darüber.

Für den Moment empfehle ich Dir, Dich gut um Deine Somatische Präsenz zu kümmern. Vorausgesetzt, Du willst Glück und Erfüllung für Dich und Dein Leben. Was ich Dir ebenfalls sehr empfehle. Nicht nur für Dich. Sondern auch für mich und andere. Wahrhaftig glückliche und erfüllte Menschen sind nämlich sehr ansteckend.

Viel Glück Dir und herzliche Grüsse,

Simon

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